Eröffnende Meditation
Wenn man heute als Kind in Deutschland das Licht der Lampe im Kreißsaal erblickt, gibt es zunächst mal einigen Papierkram zu erledigen. Kindergeld, Elterngeld, das so hart umfochtene Betreuungsgeld, alles muss schleunigst beantragt werden, man sollte niemals seine Chancen auf Chancengleichheit verspielen. Neben den sozialen Transferleistungen, welche nach gängiger Meinung an den verrauchten Stammtischen dieses Landes vor allem Bierbrauereien und Zigarettenmanufakturen zu Gunsten kommen, sollten ein erster Chinesisch-Kurs und andere Angebote zur Wertsteigerung des Sprösslings in Anspruch genommen werden. Wo das Kind dabei bleibt, ist zunächst einmal nicht relevant, solange Mama den Familienzuwachs im Internet posten kann. Und Kristina Schröder gefällt das.
Ein KiTa-Platz sollte von umsichtigen Elternteilen und solchen, die es mal werden wollen, vorsorglich schon nach jeder Facebook-Freundschaftsanfrage eines Angehörigen des anderen Geschlechts reserviert worden sein. Dieser sollte dem Kind dann (endlich!) ermöglichen, in sportlichen 40-Stunden-Wochen „Basiskompetenzen“ zu erwerben, während der Sitznachbar kaum zwei Sätze Deutsch spricht. Man will schließlich wettbewerbsfähig bleiben. Die Arbeitsschlacht Neuronalautobahn ist kein Ponyhof.
Nachdem man die Ganztagsgrundschule durchlaufen hat und hoffentlich aufs Gymnasium geschleust wurde (Ohh und Gott bewahre, wenn nicht!), steht dem Feinschliff zum willfährigen, motivationsfähigen und medienkompetenten Endprodukt nichts mehr im Wege. Sportliche acht Jahre Beschäftigungstherapie qualifizieren, sofern die Quantifizierungen, welche das Abschlusszeugnis zieren, mit der Wohnsituation der Wunschuni harmonieren, zum Studium. Ahnungslos, aber vollgepumpt mit Medikamenten wird zur Jagd auf Credit Points geblasen und nicht ein verschultes Seminar ausgelassen, um auch ja die Employability zu pushen. In den am internationalsten anmutenden Studiengängen, an den besten Hochschulen. Naja, nicht direkt an den besten Hochschulen, aber immerhin an denen, welche die meisten Drittgelder an Land ziehen – Immerhin! Jene, bei denen es höchstens für den BWL-Bachelor an der kaputtgesparten Heimatstadtsuniversität reicht, können sich derweil mit der Tatsache trösten, mehr Wert zu sein als die Protagonisten der inszenierten Idiotie im Nachmittagsprogramm von RTL und Konsorten.
Für alle gilt jedoch: Man muss sich mächtig ins Zeug legen! Der demographische Wandel, wahlweise auch geradezu schmeichelnd als „Vergreisung“ tituliert, wird kommen, und er wird erbarmungslos sein. Wohlmöglich wird Deutschland seinen Spitzenplatz nicht ewig halten können - in der Rangliste der bevölkerungsdichtesten Länder Europas. Angesichts dieser tragischen Aussichten müssen „die Jungen“ arbeiten, arbeiten, arbeiten. In der kurzen Zeitspanne bis zum ersten Burn-Out muss die Produktivität voll ausgereizt werden. Denn wenn wir Deutschen schon aussterben, sollen die letzten unserer Art wenigstens hervorragende Business Skills besitzen.
Ausgesorgt, das haben heute lediglich die Führungsriegen der Versicherungskonzerne, welche sich am privatisierten Rentensystem dumm und dämlich verdienen. Wenn sie in Singapur im Whirlpool sitzen und zwischen zwei thailändischen Prostituierten entspannen, haben sie einen wunderbar distanzierten Blick auf die Geschehnisse im fernen Deutschland. Wo man sich als Exportweltmeister der Herzen feiert. Wo man auf der Autobahn 200 fahren kann, was den Insaßen der klapprigen Linienbusse jedoch wenig bringt. Auf dem „Finanzplatz Deutschland“, wo die Klammer zwischen Arm und Reich größer ist als je zuvor. Wo Leute sich als auf Leihbasis arbeitende Sklaven des Prekariats wiederfinden. Wo Arbeitslose in „berufsvorbereitenden Maßnahmen“ unbezahlt acht Stunden schuften. Wo 75-jährige „Rentner“ Zeitungen austragen, welche der Leserschaft höchst unkritisch eine erneute Senkung der Lohnkosten näherbringen. Wo private Banken kostenaufwändig gerettet werden, während das Bildungssystem verrottet.
Will man dort aufwachsen? Naja, warum nicht. Ist schließlich alles alternativlos.
kampfbegriff-dojo am 14. Dezember 12
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